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Reportage: Dachsanierung nach 27 Jahren: Jetzt in Schiefer
Sonntag, 25 November, 2007
Ästhetik pur / Unbändige Ästhetik
Handwerk + Kunst = Kunstwerk
Derjenige, der die Wilde Deckung beherrscht, darf sich zu einem kleinen Kreis von Schieferdeckern zählen, die Besonderes leisten. Die Bezeichnung „gestaltendes Handwerk„ kann, ja muss sogar, in diesem Fall absolut wörtlich genommen werden. Dächer in Wilder Deckung sind Kunstwerke, und ihre Schieferdecker Künstler. Hier ein Beweis.
Als unweit von Stuttgart das Dach eines anspruchsvollen Einfamilienhauses saniert wurde, kam die Wilde Deckung in Moselschiefer zum Einsatz. Das Bauwerk trug 27 Jahre lang ein Dach aus Lerchenschindeln. Dann allerdings bemerkten die Bewohner in der Nähe eines Dachwohnfensters auf der schattigen Nordseite des Hauses erste Durchfeuchtungen. Eine Prüfung des Daches ergab, dass die Dachdeckung aus Lerchenschindeln insbesondere in den rund 20° flachen nördlichen Dachbereichen in Teilen bereits verfault war.
Der Bauherr selbst begab sich auf die Suche nach einem neuen, zum Erscheinungsbild seines ungewöhnlichen Hauses passenden Dachdeckungsmaterial. Schnell stand das zukünftige Material fest. In einem Prospekt von Rathscheck Schiefer entdeckte der Bauherr das Foto einer Wilden Deckung, die ihn auf Anhieb begeisterte. So sollte auch sein Dach aussehen.
Bestandsaufnahme
Das vorliegende Dach basiert auf einer Rundung, die durch ovale Ausschnitte oder ebenfalls rundliche Erweiterungen zu einer spannungsvollen Dachlandschaft erwächst. Die Sparren des Pfettendaches laufen sternenförmig auf eine zentrale bogenförmige Firstpfette zu, wo sie in dichter Lage zusammentreffen. Die Dachneigung wird im Süden mit grob 30° angegeben, im Norden sollen es 26° sein. Darunter und darüber sind fast alle Zahlen vertreten. Die Spannweite der Dachneigungen inklusive der Gauben erstreckt sich von 15 bis 70°.
Der Zimmerer, der einst dieses schwierige Dach realisierte, leistete, trotz der zum Teil geringen Dachneigungen, eine solide Arbeit. Auf den Sparren wurde vor 27 Jahren eine Vollschalung mit Teerpappe eingedeckt. Darauf kamen Konterlatten und darauf wieder eine Vollschalung. Diese hat, bedingt durch die schwierige Geometrie in einigen Bereichten den Charakter einer Sparschalung. Wo es möglich war, setzte der Zimmerer bis zu 3,5 Meter lange Bretter ein. Andererseits wurden in engen Radien auch kurze Bretter mit viel Luft dazwischen verbaut. Darauf wurden die Lerchenschindeln genagelt. Sie waren zwischen 12 und 20 cm breit und etwa 40 bis 45 cm lang. In den sehr flach geneigten Bereichen über der Gaube setzte bereits der Zimmerer zusätzlich eine Folie ein. Sie wirkte, denn beim Abriss der Schindeldeckung konnten die Dachdecker in diesem sehr flachen, maximal gefährdeten Bereich keine Wasserschäden feststellen. Die Holzdeckung versagte vor allem auf der Nordsseite des Daches, wo offensichtlich durch langsamere Abtrocknung das Holz Schaden nahm. Hier musste auch die Schalung zum Teil erneuert werden. Nach 27 Jahren waren auch die Kupferrinnen mit Innenanstrich und alle Lüftungsgitter entlang der Traufen voll funktionsfähig.
Neueindeckung
Vor der Neueindeckung des Daches standen der Abriss der Lerchenschindeln und die Sanierung der Schornsteinköpfe. Sie waren einst, unpassend zum runden Dach, rechteckig in Verblendmauerwerk ausgeführt. Bei der Gelegenheit wurde die Optik der Schornsteine an die anspruchsvolle Gestaltung des Daches angepasst.
Für die Wilde Deckung des Daches wurde rund 24 Tonnen Moselschiefer eingesetzt. Die Rohlinge richteten die Dachdecker auf dem Boden so zu, dass die vorliegenden Steingrößen bestmöglich ausgenutzt wurden und nur wenig Verhau entstand. Bei dieser Arbeit galt es bereits, den Wunsch des Bauherren nach einer Wilden Deckung in „rundlicher“ bzw. „schuppenartiger“ Optik umzusetzen.
Danach wurden die Steine, angelehnt an die Regeln für die Altdeutsche Deckung, in vier Größenklassen gegattert. Etwa 50% der Steine wurden von den Dachdeckern als „groß“ eingestuft. Das waren Steine mit einer Höhe bis zu 40 cm. In der Altdeutschen Deckung entspricht ein solcher Schiefer in etwa einem ½ Stein. Daraus lässt sich auch die geforderte Überdeckung ermitteln. Zur Sicherheit wählten die Dachdecker eine Höhen- und Seitenüberdeckung von etwa 12 bis 14 cm. Zum Teil gingen sie darüber sogar hinaus.
Zum First hin kamen, wie bei der Altdeutschen Deckung, die kleineren Sortierungen zum Einsatz. 20% der Steine wurden als „mittelgroß“ eingestuft, 20% als „klein“ und rund 10 % zu den „sehr kleinen“ Steinen zugeordnet. Am First beträgt die Höhen- und Seitenbedeckung immer noch mindestens 8 cm. Auf diese Weise entwickelt auch ein Dach in der Wilden Deckung eine reizvolle, zum First hin schlanker werdende Optik. Zugleich kann aus der gelieferten Menge an Mosel-Rohschiefer eine optimale Ausbeute erreicht werden. Alle Steine, ob groß oder klein, finden einen sinnvollen Platz am Dach.
Schwierige Details
Schwierig gestaltete sich die Eindeckung einer tonnenförmigen Gaube, deren Scheitel 15° zur Traufe hin geneigt ist. Beruhigend war, dass bereits bei der Ersteindeckung der Handwerker hier erfolgreich mit einer Folie gearbeitet hatte. Es gab an dieser flachen Stelle beim Abbruch der alten Holzschindeldeckung keine Leckagen und keine Wasserschleier zu beklagen, und so wurde auch jetzt mit einer soliden Folie, einer mit Polyestervlies kaschierten Kunststoffbahn, in diesem kritischen Bereich gearbeitet.
Laut Fachregeln für Dachdeckungen mit Schiefer beträgt die Referenz-Mindestdachneigung einer Altdeutschen Deckung 25°. Eine Unterschreitung dieser Dachneigung, bei Einsatz eines wasserdichten Unterdaches, ist bis zu 10° zulässig. Demnach dürfte diese Wilde Deckung nicht unter 15° Dachneidung verlegt werden. Ein wasserdichtes Unterdach liegt bei diesem Bauwerk nicht vor. Das Unterdach kann lediglich als wasserführend eingestuft werden. So gilt es, an dieser kritischen Stelle Bedenken anzumelden. Dem Bauherren sind also die Zweifel bekannt gemacht worden. Er wünschte jedoch ausdrücklich keine Veränderungen an der bestehenden Geometrie des Daches. DDM Haag, der auch Sachverständiger im Dachdeckerhandwerk ist, geht davon aus, dass die neue Dachdeckung in der Wirkung der alten nicht nachsteht. Zudem wurde auf der flach gehenden Gaube die Überdeckung nochmals maximal erhöht bis fast in die Region einer Doppeldeckung.
Interessant und schwierig gestalteten sich auch die Dachflächen, die von einer großzügigen Rundung, mit großen Steinen gedeckt, in einen engen Radius mit kleinen Steinen übergehen. Hier mussten schmale hohe Steine zum Einsatz kommen, um dem kleineren Radius ohne Sperrungen gerecht zu werden. Dazu zählen auch Übersetzungen, deren Zahl an diesem Dach bedeutend höher ausfällt, als bei einer Altdeutschen Deckung. Dennoch folgt auch die Wilde Deckung grundsätzlich der Vorgabe einer geschlossenen Deckung. Diese Geschlossenheit ist allerdings durch höher gewählte Überdeckungen (Stein nach unten verschoben) oft nicht auf den ersten Blick erkennbar.
Zum Schluss gilt es, das Kunstwerk zu begutachten. Es ist zweifelsohne gelungen. Heute präsentiert sich das neu eingedeckte Dach, als wäre es für die Wilde Deckung entworfen. Vielleicht ist diesem Bauwerk erst jetzt die wahre Krone aufgesetzt worden.
Dieses Bauvorhaben zeigt aber auch die herausragende Leistung eines gestaltenden Handwerks, das Großartiges leisten kann. Wenn es gelingt, Bauherren von diesen Leistungen zu berichten und sie dafür zu begeistern, dann sind solche Referenzen geradezu eine Garantie für den Erfolg des gestaltenden Dachdeckerhandwerks.
Fazit:
Die Wilde Deckung in Moselschiefer zählt zur hohen Kunst des Schieferdeckerhandwerks. Bei der vorliegenden Dachsanierung galt es, neben der kunstvollen Schieferarbeit, auch ein zum Teil flach geneigtes Dach einzudecken. Für die Wilde Deckung mit schuppenartigen Charakter wurden 24 Tonnen Moselschiefer verarbeitet.
ABBILDUNGEN:
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Foto_01 bis 06: Das Dach als Kunstwerk: Wilde Deckung aus Moselschiefer in Köngen bei Stuttgart.
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Foto_07 bis 11: Details der Wilden Deckung: In den enger werdenden Radien kommen schmalere Steine zum Einsatz.
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Foto_12 und 13: Die Wilde Deckung. Jeder Stein ein Original und jeder Arbeitsschritt genau geplant.
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Foto_14: Auf der flach geneigten Gaube wurde rund um den Scheitel eine Folie eingearbeitet.
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Foto_15: So flach geht es nicht: Über einem Teil des integrierten Garagendaches mussten sich die Schieferdecker mit Blei, das nach Fertigstellung eingeölt wurde, aushelfen.
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Foto_16 und 17: Dachdeckermeister Kurt Haag: So ein Dach ist eine Visitenkarte.
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Foto_18: Das Dach war 27 Jahre lang mit Holzschindeln gedeckt.
Fotos: Rathscheck Schiefer
Zeichnungen folgen
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Zeichnung _1: Grundriss des Daches.
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Zeichnung_2: Schichtenaufbau des Daches
Bautafel:
Bauvorhaben: Sanierung eines Einfamilienhauses in Köngen bei Stuttgart
Bauherr: privat (möchte nicht genannt werden)
Architekt: Kohn Gerhard, Dipl.-Ing. FH freier Architekt, Tel: (07336) 6434, Venzenweg 1, 89173 Lonsee www.svkohn.de
Ausführendes Unternehmen: DDM Kurt Haag, Traben-Trarbach
Dachfläche: 450 m³
Bauzeit: Mai bis Juli 2004
Material: Moselschiefer
Produzent: Rathscheck Schiefer, Mayen
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Rathscheck Schiefer im Internet: www.rathscheck.de
