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Reportage:
Dachsanierung am Holstentor
Freitag, 6 Oktober, 2006
Schieferdeckung mit Prestige
Ehrensache
Dachsanierung am Holstentor
Die Schieferdeckung der zwei Kegeltürme des Holstentores wurde im Oktober 2006 abgeschlossen. Hier ein Blick auf die ungewöhnliche und komplizierte Dachbaustelle.
Das Holstentor, das westliche Stadttor der HanÂsestadt Lübeck, wurde 1478 erbaut. Die erste große Sanierung folgte 1871. 1933/34 musste erneut am Tor gebaut werden. Das schwere Bauwerk litt stets darunter, dass es auf nicht ausreichend tragÂfähigem Boden errichtet wurde. Die unterschiedlich dicken Mauern (3,5 Meter zur Feldseite, 1 Meter zur Stadtseite) ließen das Bauwerk unterschiedlich tief, aber insgesamt um etwa 50 cm im Boden versinken. Bei der letzten Sanierung wurden Stahlbetonanker und Eisenringe eingesetzt, um das renomÂmierÂte Bauwerk zu erhalten.
Seit 1925 ist das Holstentor das WahrÂzeichen des Deutschen Städtetages. Wir alle kennen es unter anderem vom 50-Mark-Schein. Es war auf vielen DM-Münzen zu sehen und schmückt heute die aktuelle Zwei-Euro-Münze von 2006. VerständÂlich also, dass bei der jetzt abgeschlossenen Sanierung sehr großer Wert auf eine ordentliche handwerkliche Leistung gelegt wurde. Im ersten Schritt forderte der Bauherr, die Stadt Lübeck, DachÂdeckÂerÂunternehmen auf, sich mit ihren Referenzen vorÂzustellen. Auf Basis der eingegangenen Bewerbungen wurden zehn DachÂdeckerbetriebe ausgewählt und zur Abgabe eines Angebotes aufgefordert. Die junge Firma Göckeler-Bedachungen aus SchmallenÂberg im Sauerland gewann dieses Verfahren.
Riesenmaße und komplexe Geometrie
Das Holstentor basiert auf zwei miteinander verbundenen, bis zur Traufe etwa 20 Meter hohen, aus Backstein gemauerten Türmen. Die zwei gewaltigen Kegeldächer darüber haben an der Traufe mit Aufschieblingen einen DurchÂmesÂser von etwa 13,5 Meter und sind nochmals 20 Meter hoch. Daraus ergibt sich die Gesamthöhe des Holstentores mit 40 Metern. Der Mittelbau, der die beiden Türme verbindet, ist etwa 10 Meter breit. Darunter befindet sich das Stadttor.
Während zur Feldseite die Kegel rund sind, erkennt man zur Stadtseite neben der reinen Kegelfläche im unteren Bereich eine auslaufende gerade Dachfläche. Außerdem laufen beide Kegel zum Mittelbau, von außen unsichtbar, in einen geraden Dachgraben mit Rinne ein. Die Kegel der Türme sind damit nur scheinÂbar komplett rund. In Wirklichkeit beginnt die Rundung erst acht Meter über der Traufe. Der Mittelbau, dessen Dach hinter Zinnen von außen nicht einsehbar ist, trägt ein SatÂtelÂdach mit einer Schiefer-Rechteckdoppeldeckung. Im Rahmen der SanieÂrung wurden neben dem Dach auch Arbeiten am MauerÂwerk ausÂgeführt. Das gesamte Gebäude, es steht im PubliÂkumsverÂkehr, wurde bis zur höchsÂten Spitze äußerst gründlich eingerüsÂtet. Der Gerüstbau wurde auch im Kegelbereich der Türme so konsequent umgesetzt, dass er für die Dachdecker als hinderlich bezeichnet werden konnte. So stützen sich die am Kegel hoch geführten Gerüste permaÂnent auf dem Dachstuhl auf, was den Abriss und später die Planungs- und Deckarbeiten nicht unerheblich erschwerte.
Schwierige Vorgaben
Die alte Schieferdeckung aus den 50er Jahren war verbraucht. Die Herkunft des kalkhaltigen, aber dennoch relativ festen Schiefers ließ sich nicht mehr ergründen. Die ursprüngliche Deckung präsentierte sich mit einigen Verlegefehlern. Vor allem war die Gebindesteigung zu hoch, was in der Vergangenheit zu vieÂlen ausgespitzten Deckgebinden führte. Warum sich der DachÂdecker einst für eine solch hohe Gebindesteigung entschied, kann nur vermutet werden.
Doch Fakt ist, dass dieses Dach fehlerfrei funktioniert hat. Der BauÂherr, die DenkmalpfleÂge und ein vom Bauherren bestellter, den Bau begleitender Dachdecker-SachverÂständiger, wünschÂten ein Deckbild, das der vorigen lebhaften Deckung entsprach.
In der ursprünglichen Standard-Ausschreibung ist noch die ReÂde von einer regelkonformen Deckung. Doch im Nachhinein hatte der Bauherr Wünsche, die der AusÂschreiÂbung nicht mehr entsprachen. So forderte der Bauherr neben dem Einsatz von Schiefern der Sortierung 1/16 bis 1/64, eine GebindesteiÂgung von 20 cm auf einen Meter. Dies führte zu 31 FußgeÂbinden. Ferner wünschte der Bauherr eine höhere ÜberdeckÂung, als in der Fachregel gefordert. Statt 29 % sollten es 34 % sein. Diese Vorgaben widersprechen im Prinzip den Regeln. Die GeÂbinde müssten bei diesem Dach eigentlich fast waagerecht verlaufen. Die Zahl der Gebinde ist sehr hoch. Und zusätzlich lässt die größere geforderte Überdeckung die Steine stärker sperren. Auf diese Weise war dieses Dach eine besondere Herausforderung.
Für die NeueinÂdeckung wählte die Denkmalpflege MoselschieÂfer von RathÂscheck in Mayen. Das Unternehmen lieferte die Altdeutschen Decksteine auf Wunsch des Dachdeckers im 1-cm-Raster höhenÂsortiert.
Das alte Dach war dicht und trocken und der über 500 Jahre alte Dachstuhl des Kegels in einem erstaunÂlich guten Zustand. Die trockenen Eichensparren sind nach Jahrhunderten hart wie Stein, und heutige Nägel für dieses Holz oft zu weich. Nach dem Abriss der alten Deckung kam die waagerechte BohlenÂschalung zum Vorschein. Sie überspannte recht willkürlich ein, zwei oder mehrere Felder.
Bevor eine neue Deckung aufgebracht werden konnte, montierÂten die Dachdecker zuerst eine weitere Lage Schalbretter. Die besonders sorgfältig getrockneten SchalungsbretÂter 24×100 mm wurden auf die vorhandene waagerechte BohlenÂschalung senkÂrecht aufgeschraubt und abstehende Bretterkanten abgeschlifÂfen. Eine diffusionsoffene Vordeckung schloss die Vorarbeiten ab.
Einteilung mit Kunstkniff
Zu den zwingend erforderlichen Vorarbeiten für eine KegelÂdeckung gehört die Planung. Wie Kegeldächer geplant werden, steht zum Beispiel im Fachbuch „Altdeutsche Schieferdeckung” vom ehemaligen Ausbilder an der Dachdeckerfachschule in Mayen, DDM Alwin Punstein. Doch was ist zu tun, wenn der Kegel nicht so richtig rund ist und der Bauherr spezielle WünÂsche bezüglich der Deckung hat? Klassisch wird ein KegelÂdach an der Traufe mit möglichst flacher Gebindesteigung geplant. Das funktionierte hier nicht, weil die Traufe nicht rund und nicht waagerecht ist und weil sich bis zu einer Höhe von etwa acht Metern über Traufe ein Grat befindet. DDM Thomas Göckeler bediente sich eines Kunstkniffes. Er begann seine KegelplaÂnung an der Stelle, an der der Grat ausläuft und der Kegel erstmals komplett rund ist. Von dieser Stelle aus zeichnete er den Kegel nach oben und nach unten ab. Wo die Gebinde unten an der Traufe ankommen, ergibt sich dabei automatisch. Am Grat enden diese Gebinde mit einem Doppel-Endort und beginÂnen hinter dem Grat mit einem eingebundenen Anfangort. Nach oben zur Spitze hin laufen die zu vielen Gebinde immer steiler. Die GebinÂdesteigung des mächtigen Runddaches wird dabei so hoch, dass im oberen Bereich des Kegels, am elegantesten, an den Stellen wo die kleinen abgewalmten SattelÂdachgauben anÂsetzten, ausgespitzt werden musste.
Kurz unter der KupferÂspitze endet die Deckung mit drei waageÂrechten Deckgebinden. Die schmalen und zusätzlich stumpf zugerichteÂten Schiefer der Gebinde liegen auf der Schalung sauber auf und sichern damit der darüber gestülpten 3,0 Meter hohen Kupferspitze ein gutes Auflager.
Insgesamt wurden für die Kegeltürme rund 30 Tonnen MoselÂschiefer geliefert. Der Dachdecker rechnete für die zwei Türme eine eingedeckte Fläche in Altdeutscher Deckung aus MoselÂschiefer von zusammen 880 m² ab. Interessant sind die Maße der Kegel. Von Traufe zu First wurden an einem Kegel zum Beispiel SparÂrenlängen von 19,2 m, 19,7 m, 18,9 m, und 19,3 m gemessen.
Gerüste im Weg
Eine weitere Besonderheit der Deckung sind die vielfältigen Krümmungen der über 500 Jahre alten Holzkonstruktionen. Auch wenn die Kegel von weitem recht elegant und gleichmäßig ausÂsehen, so stellen sie sich doch von nahem betrachtet sehr unÂruhig in ihrer Geometrie dar. Die vielen UnebenÂheiÂten galt es mit extraschmalen Steinen einzudecken, um Sperrungen zu vermeiden.
Bei den Deckarbeiten mussten die Dachdecker zum Teil sehr mühsam zwischen den gewaltigen Gerüsten arbeiten. Auch galt es die Punkte, an denen die Gerüste am Turm befestigt waren, offen zu lassen. Erst mit dem Rückbau der Gerüste konnten die Fehlstellen in der Deckung sukzessive angedeckt werden. Hier war eine genaue Abstimmung der Arbeiten mit den GerüstÂbauÂern erforÂderÂlich, was zu Zeitverzögerungen führte.
Doch wenn man auf die Gerüstbauer warten muss, ist auf einer solch großen BauÂstelle immer was zu tun. Unter anderem galt es, noch das kleine Satteldach zwischen den zwei Türmen abÂzuÂreißen und zu deckÂen. Hier wurde eine RechteckdoppelÂdeckÂung aus Rechtecken 60×35 cm eingedeckt.
Am 10. April 2006 ging es los mit dem Abriss der alten Deckung. Es folgte die neue Schalung. Ende Mai begannen die DeckarÂbeiten. Anfang September waren die Türme fertig. Am 1. OktoÂber wurde die imposante DachbauÂstelle termingerecht abgeÂschlossen.
Fazit:
Das Holstentor in Lübeck hat eine neue Schieferdeckung erhalten. Trotz komplexer Geometrie und erschwerenden Vorgaben der Bauherren und der Denkmalpflege gelang es, eine Kegeldeckung mit hoher Gebindesteigung ästhetisch zu realisieren. Auf den zwei rund 20 Meter hohen Türmen wurden 880 m² Dachfläche in Altdeutscher Deckung eingedeckt. Insgesamt kamen rund 30 Tonnen Moselschiefer zum Einsatz.
ABBILDUNGEN:
Die neue senkrechte Schalung wurde auf die alte waagerechte Schalung aufgeschraubt.
Das Aufzeichnen der Gebinde erwies sich zwischen den Gerüsten als schwierig.
Neueindeckung der Kegel in einem Wald von Gerüsten.
Eindeckung der Altdeutschen Deckung aus Moselschiefer. Beim Rückbau der Gerüste mussten die Fehlstellen in der Deckung angedeckt werden.
Schmuckfotos : Blick auf die Arbeiten
Der Grat des gerade auslaufenden Dachteiles reicht rund acht Meter hoch.
Blick auf die angewalmten Satteldachgauben.
Mit dem Rückbau der mächtigen Gerüste kam langsam die neue Schieferdeckung zum Vorschein.
Foto: Rathscheck Schiefer
Bautafel:
Bauvorhaben: Holstentor
Bauherr: Hansestadt Lübeck
Ausführendes Unternehmen: Göckeler-Dach, Schmallenberg
Dachfläche: Zwei Kegel: 880 m³, Satteldach: 100 m²
Bauzeit: April bis Oktober 2006
Material: Moselschiefer - Altdeutsche Deckung + InterSIN Rechteck-Doppeldeckung
Produzent: Rathscheck Schiefer, Mayen
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