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Reportage:
Sanierung des Schlosses Castell
Mittwoch, 6 September, 2006
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Denkmalpflege am Familienbesitz: Form vor Farbe
Bei der Dachsanierung des Schlosses Castell wirkten die Bauherren intensiv mit. Das Ergebnis gefällt der Denkmalpflege und ehrt die Vorfahren.
Denkmalpflege ist nicht nur eine Baudisziplin, sie kann auch ein wichtiger Bestandteil des Familienlebens sein. So zumindest in Adelsfamilien. Im Hause Castell-Castell beschäftigt man sich ganz selbstverständlich mit alter Bausubstanz. Erhalten, Pflegen Bewahren gehört heute ebenso zum Bild einer Adelsfamilie wie Managen, Führen oder Repräsentieren.
Der Hausherr von Castell-Castell, unweit von Nürnberg, ist heute Ferdinand Graf zu Castell-Castell. Der Graf ist Jurist, Gabrielle Gräfin zu Castell-Castell Buchrestauratorin. Neben der Castellschen Bank, der ältesten Bank Bayerns, betreibt die Adelsfamilie die Forst-, Wein- und Landwirtschaft. Ihre AktiviÂtäten im Weinbau sind vielfach prämiert. Die verschiedenen Unternehmen beschäfÂtigen zusammen rund 250 Mitarbeiter. Zum umÂfangÂreichen Betätigungsfeld der Familie zählt auch die aufwändige Pflege des Erbes. Dabei wächst die nächste GeneraÂtion wie selbstverÂständlich in die Denkmalpflege hinein. FerdiÂnand Graf zu Castell-Castell hat es wie selbstverständlich von seinem Vater, Albrecht Fürst zu Castell-Castell erlernt, wie man mit der Bausubstanz seiner Vorfahren umgehen kann.
Tiefe Wurzeln
Das heutige Hauptschloss der Adelsfamilie Castell-Castell wurÂde 1691 erbaut. Die Fundamente stehen auf Keuper. Der zähe Boden aus Gipsablagerungen und tonigem Schluff ist beste Basis für den erfolgreichen Weinbau. SchilfÂsandstein (SandÂstein mit fossilen Abdrücken von SchachtelÂhalÂmen) kam für die Gewölbe der Weinkeller und die Wände des Schlosses zum Einsatz. Der Stein wurde aus dem einstigen Casteller SteinÂbruch gewonnen und zusätzlich von den Ruinen der VorÂfahren herbeigeholt. Auf dem Schlossberg, er überragt Castell, wurde bereits 816 von einer Burganlage berichtet. Seit 1205 besteht der Adelstitel Graf zu Castell. In den BauÂernkrieÂgen 1525 wurden auch die Folgebauten der Burgen zerÂstört. Diese dienten später als Steinreservoir für die weiteren Bauten der Grafen zu Castell-Castell. Das aus diesen recycelten und neuen Steinen erbaute Schloss ist trocken, d.h. keine WasserÂadern unter dem Schloss und keine Schäden durch OberfläÂchenwasser.
Die südlichen Vorbauten mit Tortrakt und die, den Innenhof umÂschlieÂßenden Wohn- und Wirtschaftsbauten folgten etwa 1860. Heute präsentiert sich das Schloss als vierseitig geschlossene Anlage mit einem privaten, intimen Innenhof und großem repräsenÂtaÂtiÂven Garten im Norden.
Das Dach des Schlosses wurde zuletzt in den 50er Jahren saÂniert. Um die Jahrtausendwende stand erneut fest, dass eine GrundÂsanierung fällig war. AusÂgehend von zwei besonders beÂtroffeÂnen Hauptkehlen, war das große Dach zunehmend auch an weiteren Stellen undicht. Die Prüfung der Bausubstanz ergab, dass ein Teil des Dachgebälks angegriffen war und ausgeÂtauscht werden musste. Kehlbalken, Sparren und auch schon einige Deckenbalken darunter galt es zu ersetzen oder zu verstärken. Unter einem Schutzdach verborgen, wurde die alte keramische Dachdeckung abgenommen, zwischenÂgeÂlaÂgert und zuerst das Dachgebälk rundum saniert. (Hier könnte die Texterweiterung von der Redaktion Bauhandwerk folgen.)
Behutsam oder total?
Als es um die Vorgehensweise bei der keramischen DachdeckÂung ging, pläÂdierte der Fürst für eine Totalsanierung. Sein Sohn, der Graf, wollte einen Teil der Alten Deckung erhalten. „SchließÂlich”, so Graf Ferdinand, „sagen einige Fachleute, dass ein ZieÂgel der schon 200 Jahre auf dem Dach lag, auch noch weitere 100 Jahre hält”. Dass dem so ist, belegt ein auf dem alten Dach geÂfundener Biberschwanzziegel mit einer schmückenden DaÂtieÂrung von 1687. Dieser Dachziegel ist immerhin weit über 300 Jahre alt und wurde sicherlich auch schon mehrfach umgedeckt. Die Vermutung lag nahe, dass auch die anderen Biber sehr alt sind und noch älter werden können. Und so hieß der Kompromiss, dass ein Teil der Deckung erhalten blieb und ein anderer Teil konÂsequent neu eingedeckt wurde. Als zusätzliche VorÂsichtsmaßÂnahÂme kamen auf Wunsch des Fürsten Pappdocken zum Einsatz. Die alten Ziegel wurden vor allem auf den südliÂchen und zum Innenhof geneigten Flächen neu eingedeckt. Auf der Südseite ist die Belastung für die Deckung geringer. Auch sind die DäÂcher hier niedriger und leichter erreichbar als auf den hohen Nord-, Ost- und Westseiten. Lediglich die zwei großen HauptÂkehlen im Innenhof, einst ein Herd von UndichtigÂkeiten, sind jetzt komplett mit neuen Bibern als eingebundene Kehlen gedeckt. Um den Übergang von Neu zu Alt optisch weicher zu gestalten, deckten die DachÂdecker zwiÂschen die alten Biber immer wieder einige neue Biber ein. Das Ergebnis überzeugt.
Im Nachhinein zeigt sich Gabrielle Gräfin zu Castell-Castell nicht ganz glücklich über die komplette Neueindeckung der Kehlen. „Wir hätten auch in die HauptÂkehlen alte Biber einarÂbeiten sollen, damit auch dieser Bereich in die gelungene Gestaltung des Daches einbezogen wird.” Die Gräfin ist BuchÂrestauratorin, ausgebildet an der Fachakademie in München, an der Staatsbibliothek, und beschäftigt sich mit alten Materialien, der Widerherstellung der Funktion und dem Zwang zum neuen Material. Das Verhältnis von Funktion zu Optik ist für sie überÂaus wichtig. Sie war es auch, die Form Gestaltung und Vielfalt der neuen Biber entÂscheidend geprägt hat. Die Gräfin studierte das Dach des Schlosses und der umgeÂbenden Bauten und entÂwickelte sehr genaue VorstelÂlungen von den neuen Ziegeln. Schnell stand fest, dass es keine historisierende oder rustikale Engoben sein durfÂten. Unbedingt verhindern wollte die Gräfin eine Optik, „wie die der Buden auf dem Christkindelmarkt in Nürnberg”. Im VorderÂgrund standen die Geometrien und OberÂfläÂchenÂstrukturen und weniger die Farben. Ein Besuch im DachÂziegelÂwerk in EisenÂberg, Pfalz, heute Koramic Dachprodukte, ein Unternehmen der Wienerberger AG, zeigte auf, was alles möglich war. Insgesamt wurÂden acht Biberarten und ein besonÂders schlanker Firstziegel für das Schlossdach gewünscht. Im RahÂmen der Bibergalerie (sieÂhe Kasten) bestellten die BauÂherren Biber mit leichten KohleÂbrandÂeffekten. Als Grundschnitte für die Biber wurÂden eine asymmetrische WapÂpenform und ein asymÂmetrischer KorbÂboÂgen gewählt. Die OberÂflächen sind nach Handform-Art mit sechs Längswellen und zwei spitz zulaufenÂden WasserÂführungs-Linien verÂsehen. NeÂben der StandardÂbreite von 18 cm wurden auch ¾ und 7/8 breite Biber geordert. Die echten KohlebrandÂeffekte, die durch SauerstoffÂentÂzug im Brand erzeugt werden, sind in verÂschiedenen, fein nuanÂcierten Intensitäten lieferbar. Als zusätzÂliche Feinheit an diesem Dach kamen Biber mit zwei verschieÂdenen Längen zum EinÂsatz. DaÂmit wird eine gleichmäßige Grundlinie der Deckung verÂmieden und das Deckbild zusätzlich lebhafter.
Für die Nord-, West- und Ostdachflächen mit kompletter NeuÂeindeckung kamen verÂschiedenen Biber in gleicher Breite und zwei längen zum EinÂsatz. Die schmaleren ¾ und 7/8 Biber waren vor allem für den Mischeinsatz in der Dachfläche mit den alten Bibern vorgeseÂhen. Diese Fläche präsentiert sich lebhaft und voller geometriÂscher und farblicher Vielfalt. Die Eindeckung, insÂbesondere der Dachfläche mit den alten Bibern, dürfte als MeisÂterhaft bezeichÂnet werden. Neben dem von der Fachregel geforÂderten ¼ SeiÂtenüberdeckung realisierten die Dachdecker mit den verschieÂden breiten, dicken und langen Bibern auch einen empfohlenen seitlichen Verband von mindestens 3 cm. Eine wahrlich schöne GestalÂtung, die bei einer so großen Fläche und den gestalterisch anÂspruchsvollen Bauherren eine äußerst konÂzenÂtrierte Leistung voraussetzte.
Dezent enttäuscht zeigt sich der Bauherr über die SchneeÂsicherÂheit der historischen Dachdeckung. Das Dach ist zwar eindeutig Regensicher, doch bei Pulverschnee und starkem Wind weht die weiße Pracht durch die Ritzen der rustikalen und unebenen Deckung. Im letzten WinÂter musste unter dem offenen Dachstuhl zweimal Schnee gefegt werden. Graf Ferdinand: „Alle um uns herum meinten, man bräuchte nichts für die Schneesicherheit zu tun. Selbst von den Pappdocken riet man uns ab. Ich bin froh, dass ich auf meinen Vater gehört habe.” Die bunt gemischte historische Deckung weist eine schier unendliche Vielfalt an Farben und Formen und vor allem Dicken auf. Hier kann Schnee leichter eintreiben. Die DachfläÂchen mit komplett neuen KORAMIC-Tondachziegeln sind dagegen flächiger und selbst bei extremem Schneeeintrieb weitgehend schneesicher. Bleibt zu hoffen, dass sich die historische Dachdeckung auf den neuen Dachlatten mit der Zeit noch setzt und sich durch Staub und Spinnen die Dachdeckung „verdichtet”.
Es ist zu vermuten, dass ein großer Teil der alten Deckung zwischen 100 bis 300 Jahre alt ist. Dass es sinnvoll ist, eine solch wertvolle Bausubstanz zu erhalten, steht außer Frage. Daneben präsentiert sich die neue Dachdeckung in würdiger Nachbarschaft. Auch sie hat gute Chancen auf diesem Dach sehr alt zu werden. Die Kohlebrandbiber überzeugen mit vielfältigen Formen und mit ihren unterschiedlichen Längen bringen sie Leben in die Dachfläche. Ohne historische oder rustikale Engoben, sind sie heute selbstbewusste Originale und werden morgen selbst kritischen Blicken der Denkmalpfleger standhalten.
Fazit:
Bei der Dachsanierung des Schlosses Castell bei Nürnberg, kamen spezielle Biberschwanzziegel aus der Produktlinie ManuÂfaktur der Koramic Dachprodukte zum Einsatz. Die acht verÂschieÂdenen Bibertypen wurden einerÂseits in die Fläche alter Ziegel eingestreut, andererseits komÂplett eigenständig in NeuÂflächen verlegt. Das Ergebnis ist eine engagierte wie vorzeigbaÂre Sanierung unter denkmalpflegeÂrischen Gesichtspunkten.
Kasten Manufaktur: Denkmalpflege bundesweit
Die hier zum Einsatz kommenden Biber wurden im Rahmen der Bibergalerie der einstigen F.v. Müller DachziegelÂwerke, EisenÂberg/Pfalz produziert. Das Unternehmen gehört heute zur Koramic Dachprodukte, einem Unternehmen der Wienerberger AG. Im Rahmen der Produktgruppe Koramic Manufaktur ist die Bibergalerie vollstänÂdig erhalten geblieben. Durch die Werke Mühlacker, Görlitz und Langenzenn sowie die Übernahmen von Bogen und Jungmeier verfügt das Unternehmen Koramic über eine sehr breite ProduktpaÂlette historischer Dachziegel. Die marktführende Position in der Denkmalpflege wurde durch die Integration dieser traditionsreichen Unternehmen weiter ausgebaut und so erwächst in der Produktgruppe Koramic Manufaktur eine bisher unvorstellbare Vielfalt an historischen Dachziegeln aus den verschiedensten Regionen Deutschlands.
Koramic verfügt nach nur wenigen Jahren über eine europaweit einmalige Modellvielfalt historischer Dachziegel. Von der HandÂfertigung, über halbmanuelle Fertigungen bis zur Kleinserie hisÂtorischer Dachziegel ist so gut wie jeder Wunsch eines DenkÂmalpflegers realisierbar.
Kasten Bibergalerie: Nichts ist unmöglich
Die Bibergalerie im Rahmen der Produktgruppe Koramic ManuÂfaktur ist ein modularer SystembauÂkasÂten für histoÂrische und exklusive Biberschwanzziegel. Der engaÂgierte DenkÂmalpfleger aber auch der anspruchsvolle Bauherr kann sich im Rahmen dieses Produktprogramms seinen exkluÂsiÂven Biber zusammenÂstellen. Mit fünf Größen, acht SchnitÂten, sechs Standarddicken, zehn Engobenfarben, historischen Glasuren, verschiedenen keraÂmischen Scherbenfarben, inkluÂsive unterÂschiedlich intensiÂver Kohlebrand-Scherben, mindesÂtens neun StandardoberfläÂchenÂgestaltungen und vielfachem Zubehör wie konkaven oder konvexen Bibern, erhebt die BiberÂgalerie den Anspruch, dass nichts unmöglich ist.
Bautafel:
Bauherr: Ferdinand Graf zu Castell-Castell
Architekt: Müller + v. Soden Architekten BDA, Architektur und Denkmalpflege, Adalbertstraße 44, 36039 Fulda, Tel.: 0661/9740-0
Tragwerksplanung: mbi Mittnacht Beratende Ingenieure, Ludwigkai 1, 97072 Würzburg, Tel.: 0931/88075-0
Dachdecker Torhaus und Seitenschiffe: Feßler & Sohn BedachungsunterÂnehmen GmbH, Kaltensondheimer Str. 63, 97318 Kitzingen, Tel.: 09321/4070, mobil 0171-2347413
Dachdecker Hauptschloss: Handschuh GmbH, Carl-Benz-Str. 17, 97424 Schweinfurt, Tel.: 09721-76550
Dachziegel: KORAMIC Dachprodukte GmbH & Co. KG, Produktlinie Manufaktur / Bibergalerie, Oldenburger Allee 26, 30659 Hannover, Tel.: 0511/61070-0.
Bildtexte:
Südansicht von Schloss Castell, malerisch gelegen in Castell unweit von Nürnberg.
Innerhalb des Ortes präsentiert sich das Schloss als vierseitig geschlossene Anlage mit Tortrakt.
Die Norddächer des Schlosses sind komplett mit neuen Kohlebrandbibern eingedeckt. Ihre dezente Farb- und FormgeÂbung harmoniert bereits im Neuzustand mit den Dächern im Umfeld.
Harmonische Eindeckung der Süddächer mit historischen und neuen Bibern.
Details einer ästhetischen wie handwerklich gelungenen Arbeit.
Detail einer gemischt eingedeckten Dachfläche. Neben historischen Bibern sind hier neue Biber als ganze, ¾ und 7/8 zu sehen. Rechts, im Übergang zur Kehle, wurden spezielle Unterläufer eingedeckt.
Ansichten der neu mit Kohlebrandbibern gedeckten Flächen. Die Biber mit asymmetrÂischen Wappen- oder KorbbogenschnitÂten sind hier in verschiedenen Längen und OberflächenstrukÂturen zu sehen.
Detail einer Fledermausgaube. Im Übergang von der Fläche in die Rundung der Gaube kamen so genannte An- und Abführer zum Einsatz. Wofür früher krumme Ziegel ausgesucht wurden, werden heute spezielle in der Längsachse verdrehte Biber produziert.
Das Dachgebälk wurde in Teilen erneuert. Abhängungen an speziell verstärkten Sparren dienen der statischen Sicherung der obersten Geschossdecke.
Die historische Deckung ist mit Pappdocken unterlegt.
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Koramic im Internet: www.koramic.de
